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30. Natur und Kunst.

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, Und haben sich, eh man es denkt, gefunden; Der Widerwille ist auch mir verschwunden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! Und wenn wir erst in abgemesznen Stunden Mit Geist und Fleisz uns an die Kunst gebunden, Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. So ist's mit aller Bildung auch beschaffen: Vergebens werden ungebundne Geister Nach der Vollendung reiner Höhe streben. Wer groszes will, musz sich zusammenraffen; In der Beschrankung zeigt sich erst der Meister, Und das Gesetz nur kan uns Freiheit geben.

goethe.

31. Das Sonett.

Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben, Ist heil'ge Pfiicht, die wir dir auferlegen. Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt^bewegen Nach Schritt und Tritt, wie es dir vorgeschrieben. Denn eben die Beschrankung laszt sich lieben, Wenn sich die Geister gar gewaltig regen; Und wie sie sich denn auch gebarden mogen, Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben. So mocht ich selbst in künstlichen Sonetten, In sprachgewandter Masze kühnem Stolze, Das Beste, was Gefühl mir gabe, reimen; Nur weisz ich hier mich nicht bequem zu betten; Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze, Und müszte nun doch auch mitunter leimen.

Goethe.

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