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Erstes Kapitel.

Begriff und Kriterien der Integritat.

293. 1. Be vor man sich einer Quelle bedient, muB man gewin sein, daB die Quelle nach Inhalt und Form unverderbt ist, d. h. daB sie. mit dem Original nach Inhalt und Form übereinstimmt Würde man sich namlich einer verderbten Quelle bedienen, so liefe man Oefahr, der Urquelle etwas zuzuschreiben, was in Wirklichkeit der abgeleiteten Quelle angehört.

2. Wir nennen die Unversehrtheit einer Quelle auch Integrit&t. Nach dem eben Gesagten kann dieselbe in einem engern und in einem weitern Sinne aufgefaBt werden. Ein Zeugnis besitzt die Integritat im engern Sinne, wenn die Urform, d. h. die vom Urheber selbst herrührende Gestalt oder die ursprüngliche Originalgestalt überliefert ist Die Integritat im weitern Sinne ist dann vorhanden, wenn uns zwar nicht mehr das Original, wohl aber eine genaue Nachbildung oder Kopie vorliegt. Geben also diese Nachbildungen den Zeugnisinhalt getreu wieder, so ersetzen sie uns das verlorene Original.

294. 3. Die Forderung, daB die Quellenkritik nach Möglichkeit die Integrit&t der einzelnen Quellen zu erforschen bzw herzusteilen hat erstreckt sich auf alle Quellenarten, sowohl auf die Überreste, als auf die formellen Zeugnisse, und bei diesen sowohl auf die mündliche, schriftliche wie bildliche Tradition. So finden wir z. B. nicht nur bei den abgeleiteten bildlichen Quellen viele bewuBte Veranderungen nnd Abweichungen von der Urquelle, sondern auch bei den bildlichen Urquellen selbst hlufig Entstellungen oder sonstige Mangel der Integritat vor: Diebe haben Teile entwendet; Gewalt oder die Unbilden der Zeit und Witterung haben gröBere oder kleinere Partien zerstöit zerstückelt, verwischt sonst irgendwie beschadigt. Gleichwohl berücksichtigen wir im Folgenden besonders die schriftlichen Zeugnisse, einerseits wegen der groBen Bedeutung derselben für die geschichtliche Forschung, andrerseits, weil diese Zeugnisse im Laufe der Zeiten mehr als andere Quellen der Verderbnis ausgesètzt waren.

Von alteren Zeugnissen haben wir überhaupt durchweg nur Abschriften und gewöhnlich nicht einmal direkte, sondern nur mittelbare, d. h. Kopien von Kopien. Und doch ist es gerade für die Benützung der schriftlichen Zeugnisse wegen ihrer weitreichenden Bedeutung von höher Wichtigkeit, daB wirihre Urform vor Augen haben. Deshalb hat auch die Methodik der letzten Jahzehnte ihre Aufmerksamkeit in besonderer Weise der Textkritik gewidmet, so daB man ohne Übertreibung behaupten kann, kein Teil der Methodik sei heute besser ausgebildet als eben die Textkritik.

295. 4. Für die wesentliche Integritat oder die Unversehrtheit einer schriftlichen Quelle können folgende Kriterien angeführt werden:

1) Es laBt sich der Beweis erbringen, daB uns das Original oder eine beglaubigte Abschrift vorliegt.

2) Die Quelle findet sich in zahlreichen Abschriften vor, die zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, von Vertretern verschiedener Richtung angefertigt wurden, so daB wir schlieBen müssen: diese Abschriften gehen nicht auf eine gemeinsame spatere Familie, sondern

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