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325. 3. Fehler der Reproduktion. 1. Ehe der Zeuge die Wahrnehmung eines historischen Vorganges anderen mitteilt, muB er sie innerlich reproduzieren. Eine solche Reproduktion geschieht oft auch schon früher, jedesmal namlich, wenn Interesse oder Ideenassoziation sie ins Gedachtnis zurückruft. Die Fehler, die bei dieser Reproduktion auftreten können, stammen auBer dem EinfluB von Vorurteilen und etwaigem Mangel an Aufmerksamkeit hauptsachlich aus einer mangelhaften Tatigkeit des sinnlichen und geistigen Gedachtnisses. Unter diesem verstehen wir ja die Fahigkeit, frühere Erfahrungen aufzubewahren, zu reproduzieren und als vergangene zu erkennen.

326. 2. Ein bestimmter Grad von Fehlerhaftigkeit, wenn auch nur bezüglich unwesentlicher Elemente, ist nun Von vornherein auch bei der normalen Durchschnittserinnerung vorauszusetzen; denn eine ganz fehlerlose Erinnerung ist die Ausnahme und nicht die Regel. Die Erinnerungstreue kann unter dem EinfluB verschiedener Faktoren leiden, so z. B. der eigenen von natürlichen oder vorübergehenden Ursachen herrührenden Schwache sowie des Mangels an Proportion zwischen normaler Erinnerungsfahigkeit und Objekt Bei Schwache des Gedachtnisses verblassen seine Bilder leicht; die Einzelzüge verschmelzen oft miteinander oder verlieren sich vollends; es wird verwechselt und verknüpft, was der Zeit dem Orte, dem Gegenstand nach nicht zusammengehört Fehlt aber die Proportion zwischen Gedichtnis und Objekt indem etwa der Gegenstand der Erinnerung zu umfangreich oder die Zeitdistanz zu groB ist so stellen sich ebenfalls manche Fehler ein, wie dies in neuerer Zeit namentlich Untersuchungen über die Selbstbiographien und Memoiren dargetan haben. Frühere Wahrnehmungen haben sich namlich in solchen Fallen oft mit anderen Elementen des BewuBtseinsinhaltes derart verschmolzen, daB sie in ihrer Eigenart in diese aufgegangen sind oder wenigstens bei der spatern Reproduktion als verandert auftreten.

Lit.: _H01ogau, Die moderne Selbstbiographie als hist. Quelle 1903; FvBezold, Über die Anfdnge der Selbstbiographie und ihre Entwicklung im MA in Z. für Kulturgesch. 1 (1894) 145 ff; HUlmann, Kritische Strdfzüge in Bismurcks Memoiren in Hist. Vierteljahrschrift 5 (1902 ) 48 ff; OMisch, Gesch. der Autobiographie 1 (1907).

327. Ein weiterer Grund für ungenaue oder fehlerhafte Erinnerung liegt darin, daB Eindrücke der ersten Wahrnehmung sich zu wenig von ahnlichen unterschieden, zu wenig Intensitat besaBen und darum spater nicht in ihrer Sonderart hervortreten. Dieser Fehler laBt sich oft bei der Rekogniszierung von gleichförmigen Gegenstünden, z. B. bei gerichtlichen Rekogniszierungen, beobachten.

Die Ereignisbilder gehen mit fremden Phantasievorstellungen auch haufig unter dem EinfluB ungezügelter Triebe und Affekte Verschmelzungen ein. So trübt die weit verbreitete Nelgung zur Übertreibung die Erinnerungsbilder besonders bezüglich der Quantitat, wie GröBe. Starke, Menge, Zeitdauer; Angst, Furcht, Sensationslust steigern ungebührlich die schreckhaften Seiten der frühern Wahrnehmung; Leichtsinn und Sorglosigkeit unterdrükken oft gewaltsam diejenigen Zfige der Wahrnehmung, die ein drohendes Übel anzeigen, usw- Gedachtnisfalschungen entwickeln sich deshalb bei sehr reizbaren und beeinfluBbaren Zeugen oft im Laufe der Zeit in erheblichem Mafie weiter, besonders wenn die Reproduktion haufig geschieht und ihr Inhalt auch haufiger vom Zeugen anderen mitgeteilt wird.

Feder, Hist. Methodik.

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