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335. Nach der Verschiedenheit des Zweck es des Berichterstatters unterscheidet man:

1) die Scherzliige, deren Absicht es ist, den Leser oder Zuhörer zur Erheiterung oder Ergötzung zu tauschen. Solche Lügen finden sich weniger in der schriftlichen, als in der unmittelbaren mündlichen Überlieferung.

2) die Notlüge, deren Zweck die Befreiung aus Not oder Verlegenheit ist. Der Zeuge lügt, um einer Drangsal oder einer Verlegenheit zu entgehen oder um nicht in solche durch eine offene und wahrheitsgetreue Darstellung zu geraten. Letzterer Art von Lügen begegnen wir haufig bei Zeugen, die eine Bestrafung oder die Unzufriedenheit eines Vorgesetzten (Fürsten) oder einer machtigen Partei zu fürchten haben. Eine Notlüge kann übrigens auch aus dem Interesse, das der Zeuge für andere, besonders eine nahestehenden Partei hegt, hervorgehen.

3) die NützlichkeUsliige, die für den Berichterstatter oder seine Partei irgendwelche Vorteile, seien es materielle Güter (Reichtum) oder geistige (Ehre, Gunst) erlangen soll. Aus Streben nach Gunst bricht z. B. der Zeuge die Wahrheit durch falsche Angaben, um der Mode, den Ansichten der herrschenden Gesellschaftskreise, den Wünschen einer machtigen Persönlichkeit zu schmeicheln. Haufiger begegnen wir auch Lügen, die den Vorteil einer Partei, einer Familie, einer Sekte, einer Stadt, eines Staates beabsichtigen. Wie nahe die Versuchung zur Nützlichkeitslüge liegt, ersehen wir aus den haufigen Protesten der Alten, sine studio et ira schreiben zu wollen.

4) die Schadenlüge, die den Schaden einer Person oder einer Partei aus Antipathie oder HaB bezweckt; diese Lüge treffen wir oft in Schmahschriften und Schmahreden vor Gericht, in Parlamenten, in Agitationsversammlungen an.

336. 2. die materielle Lüge, welcher zwar die Absicht, die Unwahrheit zu sagen, innewohnt und die sich auch der tatsachlichen Falschaussage bedient, aber ohne das BewuBtsein der Verwerflichkeit einer solchen. Für die geschichtliche Methodik kommen besonders materielle Not- und Nützlichkeitslügen in Betracht.

Wenn wir bedenken, daB ein Philosoph wie Ptuto an mehreren Stellen seines Staates die Lüge zur Abwendung grooer Übel erlaubte, daB Manner wie Philo, Quintilian, die Stoiker, ja kirchliche Schriftsteller wie die Alexandriner Klemens und Origenes, Cassian u. a. die Erlaubtheit der Not- bzw Nützlichkeitslüge unter gewissen Umstanden lehrten (Belege s. bei Koessing 174 ff und P Hotzl, Jakob und Esau [1881]), so dürfen wir uns über haufigere Falie von materiellen Lügen bei alten Schriftstellern nicht weiter wundern.

Eine haufige Ursache für viele Falie materieller Unwahrhaftigkeit im Altertum und Mittelalter lag auch in der falschen Auffassung vom Zweck der Geschichte, die vielfach rhetorischer oder kunstvoller Schilderung, der Effekthascherei, der Erbauung dienstbar gemacht wurde.

Deshalb dürfen wir auch andie Unwahrhaftigkeit, welche viele hagiographische Quellen des Mittelalters in Erfindung, in verdeckten Anleihen, in Anpassung an hemde Personen oder Orte, in Übertragung von Zügen aus

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