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sich abspielten. In Wirklichkeit bilden sich Anekdoten gewöhnlich auf Grund von unklaren Erinnerungen, Anspielungen, fehlerhaften Interpretationen, Erfindungen jeder Art über bekannte Persönlichkeiten, ihre Taten und namentlich ihre Aussprüche.

343. II. Die mündliche Überlieferung von fernen, zeitlich weit zurückliegenden Ereignissen oder -Zustanden nennen wir mündliche Tradition im engern Sinne, vielfach auch Volkstradition.

1. Die mündliche Tradition im engern Sinne ist ihrem Wesen nach ein mündliches Zeugnis über eine historische Tatsache, dessen erste Urheber uns unbekannt sind und das durch eine langere Reihe zeitlich aufeinander folgender, uns ebenfalls tast ausnahmslos unbekannter Zeugen fortgepflanzt wird. Es kann sein, da8 der Name des einen oder andern Tragers der mündlichen Überlieferung durch sonstige formelle Zeugnisse überliefert ist, doch verlangt der strenge Begriff der mündlichen Tradition, daB solche formelle Zeugnisse auf die Tradition selbst nicht den geringsten EinfluB ausgeübt haben. Der Tradition im engern Sinne ist es also vor allem eigentümlich, daB die unmittelbaren Zeugen des vorgeblichen Ereignisses nicht erschlieBbar sind. Das Zeugnis ist in dieser Hinsicht anonym. In unseren modernen. Kulturzeiten, in denen jedes wichtige Ereignis bald auf mannigfache Weise schriftlich niedergelegt wird, hat jene Tradition kaum einen Platz; sie beschrankt sich hauptsachlich auf Anekdoten und Legenden. Anders aber in schreibarmen Zeiten, in denen die Tradition im engern Sinne oft das einzige Mittel der Überlieferung von historischen Ereignissen war. Für uns hat aber diese Tradition das gröBte Interesse deshalb, weil zahlreiche schriftliche Zeugnisse der altern Zeit nachweisbar auf dieser Art der Überlieferung beruhen und diese schriftlichen Zeugnisse eben keinen andern Wert haben, als den der Tradition selbst, die ihnen zu Grunde liegt. Es erhebt sich also die Frage, ob solchen Traditionen irgendwelche Glaubwürdigkeit zukommt und, wenn ja, in welchem Grade. Die Lösung dieser Frage ist ferner für alle jene Falie von gröBter Bedeutung, wo sekundare schriftliche Quellen andere gute schriftliche Berichte mit Zeugnissen der mündlichen Tradition vermischen, ohne daB der Autor ausdrücklich darauf hinweist (z. B. Livius, Gregor von Tours), ferner in allen jenen Fallen, wo der Zweifel, ob der Berichterstatter auBer der mündlichen Überlieferung auch schriftliche Zeugnisse benützt hat, indirekt durch die Feststellung gelost wird, daB es um jene Zeit für die betreffenden Materiën noch keine schriftlichen Zeugnisse geben konnte, uns also nur mündliche Tradition überliefert ist.

344. Die mündliche Tradition im engern Sinne, die ein bedeutendes Ereignis zum Inhalte hat, durchlauft gewöhnlich folgende drei Stadiën. Zunachst hat die Tradition die Form eines Berichtes oder einer Erzahlung, die der Vater dem Sohn, der Meister den Schülern oder eine ganze Generation der folgenden hinterlaBt und die sich auf dieselbe Weise weiter fortpflanzt. Im zweiten Stadium geben diese historischen Berichte — seien sie nun falsch oder richtig — AnlaB zur Festlegung gewisser Gebrauche, Gewohnheiten, bürgerlkher oder religiöser Einrichtungen und Feste, nicht seiten auch zur Bildung neuer

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