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zuzufügen: Die Dauer der Tradition muB eine relativ beschrankte sein; zu irgend einer Zeit der Überlieferung muBte der kritische Sinn genögend ausgebildet sein und muBten die Hilfsmittel bereitstehen, die nötig sind, um eine kritische Untersuchung mit Erfolg durchführen zu können; wahrend dieser Periode ist die Überlieferung von — uns anderweitig bekannten — kritisch geschulten Mannern, die im Falie der Unechtheit der Tradition sicher entgegengetreten waren, nicht angegriffen worden. Unter diesen Umstanden darf die Tradition als in possessione befindlich betrachtet und ihr Inhalt als echt angenommen werden. Die Oeschichte weist in der Tat eine Reihe von Fallen mündlicher Tradition auf, der jene Eigenschaften zukommen, so daB wir der Tradition selbst mit Sicherheit vertrauen können. Zu diesen Fallen gehören namentlich manche mündliche Traditionen von der Erteilung gewisser Privilegiën an Familien, Stadte, Kirchen. Wo aber bei der altern und mittelalterlichen Tradition jene drei Bedingungen fehlen, bleibt dem Forscher nichts übrig, als den Inhalt der Tradition im Lichte anderer sicherer formeller Zeugnisse und vor allem der Überreste zu prüfen.

350. 4) Als Erganzung seien noch einige praktische Regeln für die Behandlung der Tradition im engern Sinne beigefügt:

a) Der Wert der Volkstraditionen besteht auBer ihrer Bedeutung als Überreste hauptsachlich darin, daB sie einen Erganzungswert für andere Quellen bieten.

b) Wird eine Tradition von einem gewissenhaften und kritisch geschulten Berichterstatter überliefert, so ist eine sehr groBe Wahrscheinlichkeit vorhanden, daB dieselbe eine begründete ist.

c) Tritt eine Überlieferung, die der unter n. 349 aufgezahlten Eigenschaften entbehrt, in derselben Form in raumlich weit entfernten Orten und Gegenden auf, die untereinander keine Beziehungen haben, so kommt jener Tradition immerhin eine groBe Wahrscheinlichkeit zu.

d) Um eine Tradition als unglaubwürdig abzuweisen, ist es keineswegs nötig, daB man ihren Ursprung aufdeckt.

351. 3. Die als nicht glaubwürdig erkannte mündliche Tradition weit zurückliegender Ereignisse nennen wir gewöhnlich Sage. Zur klarern Erkenntnis . des Charakters der Sage fügen wir noch Einiges über die verschiedenen Arten der Entstellung derselben bei. Die Entstellung besteht teils in einer Anderung des Inhalts ursprünglich wahrer Berichte, teils in einer falschen Interpretation berichteter Ereignisse.

1) Die Anderung des Inhalts bekundet sich vor allem in der sog. Akkumalation. Unter dieser verstehen wir die Bildung sagenhafter Erzahlungen durch mannigfache falsche Erganzungen eines historischen Kerns. Die Oeschichtsentstellung durch Akkumulation offenbart sich wieder in vier Erscheinungsformen:

a) Durch eine Art Mythenbilduug werden historische Personen in eine höhere, überweltliche Sphare erhoben. — b) Durch die Konzentration werden

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