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die Taten und Leistungen vieler gleichzeitiger oder auch zeitlich getrennter Manner oder auch ganzer Geschlechter und Perioden auf eine Persönlichkeit, ein Geschlecht, eine Periode, einen Ort, ein Land ü bert ragen. Der Grund der Konzentration liegt gewöhnlich in dem Unvermögen, dem groBen Strom der Geschichte und seiner Erscheinungen zu folgen, andrerseits in der einseitigen Bewunderung groBer Manner oder Zeiten oder Lander. Der wahre Verlauf der Ereignisse gewinnt durch die Konzentration gleichsam an Intensitat, was er an Extensitat hinsichtlich von Betatigung, Zeit und Ort verloren hat. Zahlreiche Beispiele bieten die Nationalepen und Sagen der Völker, wie die Ilias, das Nibelungenlied, Sagen fiber Dietrich von Bern, Kort den Grofien. Eine bestimmte Form der Konzentration ist auch die Neigung, gewisse Persönlichkeiten als vollendete Typen einer Tugend oder eines Lasters hinzustellen, wie Sokrates, Mark Aard, Nero, Richard III. — c) Durch die sog. Konfusion werden die Taten und Leistungen der Trager gleichen Namens miteinander verschmolzen, wie z. B. bei Karl dem Grofien (und Karl Martelt), in der hagiographischen Literatur bei manchen Martyrern und Heiligen. — d) Durch die Akkreszenz endlich werden einer historischen Tatsache neue erfundene hinzugeffigt, z. B. in Sagen fiber Semiramis, die Kriege Karl des Grofien (Kreuzzug).

352. 2) Falsche Interpretation en, die einer Sagenbildung Vorschub leisteten, betraten entweder materielle oder formelle Elemente des Zeugnisinhaltes. Irrtümliche Interpretation materielier Elemente begegnet uns haufig in falschen etymologischen Erklarungen, in falschen Auslegungen von Namen und Ausdrücken. Den Beinamen Brutus des ersten römischen Konsuls L. Junius erklarte man mit „erheucheltem Blödsinn," den Namen des Pilatusberges in der Schweiz (mons pileatus) leitete man von dem Landpfleger Pilatus her, der sich in dem dortigen Bergsee Pilatus ertrankt habe. Falsche Erklarung formeller Elemente des Zeugnisinhaltes führt oft zu Sagenbildung, indem an die Stelle eines schwer verstandlichen Inhaltes ein leicht verstandlicher gesetzt wurde, indem vorhandene Lücken in phantastischer Weise ausgeschmückt, Ursachen und Wirkungen verwechselt, bei wichtigen Vorkommnissen, besonders beim Untergang groBer Persönlichkeiten (Attila, Richard Löwenherz, Friedrich Barbarossd) ungewöhnliche Ursachen oder Umstande erfunden wurden.

353. NB. 1. Manche mündliche Tradition ungebildeter Völker erf reut sich zuweilen gegenüber der gebildeter Völker eines zweifachen Vort ei ls: der Aufbewahrung durch ein trefflich entwickeltes natürliches Gedachtnis und die Aufbewahrung in streng gebundener Sprachform.

2. Ffir die Erklarung der Mythen (vgl oben n. 106) und die Aufdeckung ihrer historischen Unterlagen hat man im Laufe der Zeit verschiedene Theorien aufgestellt, die aber alle einseitig waren und sich darum nicht bewahrten. Die eine Theorie, nach dem Griechen Euhemeros (4. bis 3. Jahrh. v. Chr.) die euhemeristische genannt, betrachtet die Mythen als Erzahlungen der Taten und Leistungen der zu Göttern erhobenen alten Helden und Ffirsten. Eine zweite Theorie, die symbolische Erklarung, im Altertum vertreten durch Krates (2. Jahrh. v. Chr.), in der Neuzeit von ChrGHeyne (f 1812) und FrCreuzer (f 1858), sah in den Mythen symbolische Verkörperungen von Vorgangen der Natur und von naturphilosophischen Auffassungen. Eine dritte Theorie, die etymologische Erklarung, wollte die Mythen aus der Bedeutung der Namen der mythischen Personen herleiten. Heute hat sich aber die Erkenntnis durchgerungen, daB wegen der verschiedenartigen Beziehungen der Mythen zu den historischen Tatsachen keine der genannten Theorien allgemein Geltung beanspruchen darf und daB deshalb jede Mythe auf ihren historischen Untergrund hin aus ihren eigenen Bedingungen zu erklaren ist; man kann diese Auffassung die historische Theorie nennen.

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