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notwendig macht, in die Tatsachenreihe mehrere Zwischenglieder als mittelbare Ursachen bzw Wirkungen einzuschieben. Die Einschiebung von solchen Zwischengliedern ist namentlich dann notwendig, wenn die Zeugnisse nur Bruchstücke eines Ereignisses oder Ereigniskompiexes überliefert haben.

449. Bei der Bildung der Analogieschlüsse und Hypothesen sind alle jene Regeln genau zu berücksichtigen, die wir bereits früher (n. 175 ff) auf steilten. Auch hat im allgemeinen der methodischen Feststellung des konkreten Kausalnexus eine Prüfung der verschiedenen Möglichkeiten der Kausalverbindung vorherzugehen. Nicht seiten namlich wird der Fehler begangen, daB man von jenen Möglichkeiten nur eine erkennt und diese dann als die einzig berechtigte einsetzt. Diesen Fehler begehen leicht Kritiker, denen es an kombinatorischer Begabung oder Übung fehlt oder die an Flüchtigkeit der Beobachtung oder an Voreingenommenheit leiden.

450. NB. 1. Zu einer vollstandigen Würdigung der Motive von geschichtlichen Tatsachen gehort auch deren moralische Beurteilung. Wir beurteilen aber den ethischen Wert bzw Unwert der menschlichen Handlungen nach ihrer Beziehung zum Sittengesetz. Stehen die Motive in Übereinstimmung mit diesem, so nennen wir die Handlung sittlich gut, weichen sie von demselben ab, so nennen wir die Handlung sittlich schlecht.

2. Zuweilen ereignet sich der Fall, daB eine historische Wirkung in scharfem Kontrast zu ihrer Ursache steht, namlich dann, wenn eine gewisse historische Strebung eine unter den herrschenden Verhaltnissen und bei dem gegebenen Kulturzustande nicht weiter überschreitbare Höhe erreicht hat und die trotzdem in derselben Richtung weiterstrebende Kraft ganz entgegengesetzte Tendenzen weckt. Der Kontrast ist aber in solchem Falie nur ein scheinbarer, in Wirklichkeit ist die ausgelöste Wirkung das naturgemlBe Ergebnis der gesetzten Ursachen, so z. B. wenn eine übertriebene Fesselung der Volksfreiheit eine Entfesselung derselben hervorruft In diesem Falie namlich sucht der Selbsterhaltungstrieb des Volkes sich gegenüber einem ungerechten Angriff auf seine Rechte nur zur Wehr zu setzen.

451. 3. Für das volle Verstandnis einer geschichtlichen Entwicklung ist es von wesentlichem Wert, auBer den positiven Erscheinungen auch jene Momente zu erkennen und einzuschatzen, die wir passend mit dem Ausdruck negative Tatsachen bezeichnen. Es können namlich Ereignisse oder Tatsachen, deren Eintritt wir nach der allgemeinen Analogie oder nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge erwarten durften oder munten, in dem gegebenen Falie ausbleiben, sich nicht ereignen. Meist liegt der Grund für solche negative Erscheinungen in dem Fehlen der auBern Ursache oder notwendigen Bedingung der erwarteten Tatsachen oder Ereignisse, z. B. wenn einem groBen Volke in schwerer Zeit ein bedeutender Staatsmann oder Heerführer mangelt oder wenn einem machtigen Reiche der Thronerbe fehlt. Die Entwicklung der spateren Ereignisse wird in solchen Fallen einen ganz andern Lauf nehmen, als man unter den gewöhnlichen Umstanden erwarten durfte. Welche

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