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geliebt. Er war fünfundzwanzig Jahre alter als MarieLuise, deren Vater, dem General, er die letzten Lebensstunden zwar nicht wesentlich verlangert, aber durch klug gewahlte Tropfen und Injektionen doch ein wenig erleichtert hatte.

Familie von Seydewitz lebte in Hannover und hatte kein Geld. Der General war stockkonservativ; verachtete aber die meisten seiner Standesgenossen — wegen ihrer Unbildung und kulturellen Zurückgebliebenheit — womöglich noch mehr als die grauenhaften Sozialdemokraten. Abends, bei der Lampe, las er seiner Frau und den Töchtern aus den Schriften von Goethe, Stendhal, Lord Byron und Theodor Fontane vor. Als er krank ward, bestand er darauf, daB man den berühmten jüdischen Spezialisten rief. Professor von Kammer verliebte sich prompt in das spröde, arme, hochmütige und sehr hübsche Fraulein von Seydewitz. Wahrend einer beinah zwanzigj ahrigen Ehe wurde er sich niemals darüber klar, ob sie ihn wiederliebte, oder je wiedergeliebt hatte. Vielleicht hatte die kleine Baronesse ihn nur geheiratet, weil er eine gute Partie war. Das Problem — ob Marie-Luise ihn liebte — beschaftigte den groBen Arzt zwei Jahrzehnte lang. Als er sich zum Sterben niederlegte, zeigte sie ihm, zum ersten Mal, eine heftige, bewegte Zartlichkeit. Die Gebarde, mit der sie sich über sein Lager warf, hatte eine Vehemenz, die den Geheimrat an seiner reservierten Gattin verblüffte. „Bitte, bitte — stirb nicht!" flehte Maria-Luise — schamlos, fassungslos in ihrer Angst. Wovor fürchtete sich denn die geborene von Seydewitz ? Sie gestand es selbst; denn sie schrie: ,,Dann ware ich ganz allein!" Der Geheimrat starb aber doch. Das war im Jahre 1925.

Herr von Kammer hatte schon am 9. November 1918 beschlossen, nun wolle er nicht mehr lang leben. Die Niederlage des Reiches, der Zusammenbruch der

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