Geen zoekvraag opgegeven

Tekst
Onderstaande tekst is niet 100% betrouwbaar

Die geborene von Seydewitz war keineswegs gewillt, mit irgendjemandem eine Philosophie und politische Konzeption zu diskutieren, der zufolge ihr verstorbener Gatte zu einem Bürger zweiter Klasse, einem Paria degradiert ward. Sie brach rigoros den Verkehr mit allen jenen unter ihren Bekannten ab, die der Rasse-Dogmatik des Nationalsozialismus anhingen. Ihren Freundinnen — von denen die meisten zum mittleren preuBischen Offiziersadel gehörten erklarte sie: „Diese Nazis sind noch schlimmer als sogar die Kommunisten. Bei denen weiB man doch wenigstens, was sie sind: unsere Feinde. Die Nazis aber spielen sich als die Bewahrer unserer heiligsten Güter auf und sind in Wahrheit doch nur respektlose Plebejer." Die Offiziers-Gattinnen schwiegen pikiert, wenn die geborene von Seydewitz scharf betonte: „Wer behauptet, ein Jude könne kein guter deutscher Patriot sein, der ist ahnungslos, oder er lügt. Mein seliger Vater — sicherlich ein preuBischer Soldat von guter alter Art — zahlte einige Juden zu seinen intimsten Freunden. Meine Madels sind in einem tadellosen Geist erzogen worden. Soll ich es mir nun bieten lassen, daB man sie plötzlich wie Pestkranke behandelt ?" Marie-Luise, sonst so fein und still, sprach mit einer vor Indigniertheit beinah klirrenden Stimme.

Was den verstorbenen General von Seydewitz betraf, so war es bekannt, daB er seiner Familie abends aus den Werken deutscher und sogar auslandischer Poeten vorgelesen hatte — was befremdlich genug wirkte —, und daB er, seiner eigenen Kaste gegenüber, von einer sonderbaren Reserviertheit gewesen war. Und nun gar die beiden jungen Fraulein von Kammer angehend: da hatten Marie-Luisens gute Freundinnen recht gemischte — oder eigentlich schon: ganz eindeutige — Gefühle. Untereinander redeten sie, halb mitleidig halb entrüstet, über Marion und Tilly.

Sluiten