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kleine Leidensgefahrtin, kleine Gefahrtin der Freuden — wie konntest du unsere Gemeinschaft nur so verraten! Wir gehörten zueinander, und nun hast du dich so fürchterlich distanciert!"

Ein Bursche namens Ernst, Vagabund und Berliner Schupo-Mann auBer Dienst, der eine Nacht mit Tilly geschlafen hatte und dann von der Polizei abgeholt worden war, weinte nicht, oder doch nicht über den Tod seiner Geliebten; denn er wuBte nicht, daB sie gestorben war. Er trieb sich irgendwo auf den LandstraBen von Finnland umher und bekam keine Post. Im Laufe der letzten Monate war er aus sechs Landern ausgewiesen worden und hatte sechs Grenzen ohne gültige Ausweispapiere zu nachtlicher Stunde überschritten. Das Problem, wo er etwas zu essen und ein Bett für die nachste Nacht finden könne, beschaftigte ihn weit mehr, als der Gedanke an das kleine Madchen mit den schragen Augen und dem schlampigen Mund, der er ein Kind gemacht hatte — was er übrigens auch nicht wuBte. Wenn Ernst also weinte, dann geschah es aus Hunger oder Müdigkeit, oder aus allgemeinem Ekel vor der Welt; nicht aus Gram über Tilly.

Hingegen saBen, die Köpfe nah beieinander über Kinderbildern der Toten, Frau von Kammer und Marion; ihre Tranen benetzten die alten, steifen Photographien. ,,Sieh dir diese Aufnahme an!" rief die Mutter. „Wie sie da lacht! Und diese Grübchen in ihren Backen! Sie ist reizend gewesen — von euch allen die Hübscheste: findest du nicht?" — ,,Ja, Mama," sagte Marion, „von uns allen dieHübscheste!" — „Aber auf diesem Bild muB sie mindestens schon zwölf Jahre alt sein." Welche Zartlichkeit, wie viel wehmutsvolles Entzücken in Frau von Kammers Stimme, die sonst so scharf und trocken geklungen hat. „Wie schmal ihr Gesicht damals war!" Und die

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