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vorgehen. Die so entstandene lokale Schriftsprache erf&hrt aber schnell den EinfluB anderer Schriftsprachen aus Stadiën und Landesteilen, mit denen sie in lebhaftem Verkehr steht; der Übergang von Kanzlisten aus einer Kanzlei in die andre tragt dazu bei die fremden Einflüsse zu verstarken: es entsteht der lokale Schriftdialekt, der selbstverstandlich mundartlich gefarbt ist, weil er aus der Mundart hervorgegangen ist und noch immer aus dieser lebendigen Quelle schöpft, der sich aber infolge fremder Einflüsse von der Sprache der höheren Kreise und noch mehr von der eigentlichen Volkssprache unterscheidet.

Für eine richtige Beurteilung des Charakters der Dialektspaltungen ist also nötig:

1° Kenntnis der Mundart, nicht nur in der Nüance der höheren Oesellschaftsschicht, sondern auch in der niederen Volkssprache

2° Kenntnis des Kanzleipersonals, der Heimat der Kanzlisten, ihrer Bildung und ihrer etwaigen Tatigkeit anderswo;

3° Kenntnis von dem Umfang und der Art der Einwirkung andrer Kanzleisprachen.

Um ein annahernd richtiges Bild von den Lautverhaltnissen irgend einer Mundart aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters zu gewinnen, ist man im groBen und ganzen nur auf zwei Mittel angewiesen :

1° die geschriebenen Quellen aus der betreffenden Zeit,

2° die moderne gesprochene Mundart.

Die Quellen können nach der reinen gesprochenen Mundart geschrieben sein. Rein mundartliche Quellen sind jedoch für die Zeit des ausgehenden Mittelalters kaum anzunehmen. Erst viel spater wird die reine Mundart in den Dienst literarischer Aufgaben gestellt, gelegentlich schon im 17. und 18. jahrhundert und dann haufig nur um einen komischen Erfolg zu erzielen. Hauptsachlich aber ist es die Romantik mit ihrer Liebe für das Volkstümliche und spater der Naturalismus mit seinem Ruf nach nackter Wiedergabe der Wirklichkeit gewesen, die die Anwendung der reinen Mundart in der Literatur gefördert haben (vgl. Behaghel: Schriftsprache und Mundart. Rektoratsrede 1896 S. 9 ff.).

Die betreffenden Quellen: lokal und temporal bestimmte Ur-

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