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De Nederlandsch-Duitsche Kultuurgemeenschap = Die Niederländisch-Deutsche Kulturgemeinschaft; orgaan der Nederlandsch-Duitsche Kultuurgemeenschap, 1942, 1942

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NIEDERLANDISCHES THEATER IN SEINER WECHSELWIRKUNG

Von Dr. Karl Peter Biltz, Chefdramaturg des Deutschen Theaters in den Niederlanden

von auf dem weiten Platz, der von jenen für das niederlandisdhe Stadtbild so charakteristischen Hausern, bei denen die barocke Fassade den eigentlichen Zweckbau so völlig und manchmal fast prunkhaft überragt und verdeckt, umstanden ist, ganz vorn also, dem Betrachter zunachst, spielt sich eine kleine, von lebhaften Gesten begleitete Szene zwischen zwei Frauen ab. Nur nodh ein Uniformierter • auf einem Schimtmel eines Wouwerman würdig scheint unmittelbares Interesse daran zu haben. Diese drei, eingesponnen in ihren Eifer, haben nicht Zeit in das Gelachter, das den weiten Platz dröhnend zu erfüllen scheint, einzustimmen, sie blieken auch fast als die einzigen nidht nach dem Schaugerüst, auf das aller Augen im naheren Umkreis gerichtet sind und auf das man sich in der weiteren Umgebung durch Deuten und In-die-Richtung-stossen mit hartem Schlag auf die Schutter aufmerksam macht. Komödianten agieren hier und wir glauben sogar in der Mitte der Bühne den Pickelharing, in seinem traditionellen Kostüm zwischen einem Manne und einer Frau, einem Ehepaar vielleicht, wahrzunehmen Mit grosisartiger Lebhaftigkeit und imponierender Ausdruokskraft, obwohl man in der Hauptsadhe runde Rücken und breitkrempige Hüte sieht, stellt uns hier ein unbekannter Meister der niederlandischen Kunst des 17. Jahrhunderts die Wirkung und vor allem wohl auch die Selbstverstandlichkeit eines Ereignisses vor Augen, für das es in der damtellenden Kunst Deutschlands um die gleidhe Zeit in solcher Ausgepragtheit kaum ahnliche Beiispiele gibt. Das rein Stoffliche ist es denn auch mehr als das gewiss bewundernswert Gestaltete des Bildes, das uns in diesem Augenblick interesisiert: wenn eine solöhe Komödiantenszene Vorwurf für ein Bild werden konnte, so dürfen wir sicher daraus auf die Beliebtheit und Haufigkeit des dargestellten Eregnisses schliessen, zumal nichts an dem Bilde auf das etwa Sensationelle des Vorgangs hindeutet. Mit sachlicher Unbefangenheit selhen wir den Maler seinem Stoft gegenüber. So steht denn auch der unbekannte Meister mit der Darstellung aus dem weiten Raum dieses Stoffgebietes durchaus nicht allein in seiner Zeit. Joseph Gregor hat uns in einer Piper-Mappe über „Altflamisches und altniederlandisdhes Theater" eine Reihe solcher Bilder vorgelegt, idie uns Immerhin eine Vorstellung von der Beliebthslt solcher Szenen geben. Da gibt es etwa eine Produktion auf einem Schaugerüst des Gorkumer Jakob van der Ulft, vermutlich, dem seltsamen Hut des Akteurs nadh.

©inen Zauberer darstellend; eine marktschreierische Quacksalberszene des Leidener Jan van Goyen; eine nachtliche Dreikönigsgesellschaft mit Pantomine, den Einzug einer Komödiantentruppe mit Pferd und Wagen und Musik des Altonaers Cats, der in Amsterdam lebte. Auf einer Handzeichnung des Gorkumer Hendrik Verschuing selhen wir die Figuren des französischen Theaters agieren; der Scapin und der Docteur sind deutlich zu erkennen. So unmittelbar aus der lebendigen Anschauung heraus gestaltet uns diese Szenen entgegentreten, so gegenwartig und selbstverstandlich rnüssen theaterspielende Komödianten'dieser malerischen Kunst vor Augen gestanden haben.

In ausserordentiich glücklicher Weise hat sich hier jiie darstellende Kunst der Welt des Theaters bemachtigt. Eine innige Verschmelzung lasst die Grenzen zw:schen beiden Bezirken ineinander laufen. Szenen eines Jordaens, Brouwer, Teniers waren zugleich Szenen des Theaters und dieses Theater war volksnah, weil es, bar jeden Bildungselhrgeizes, unmittelbar aus der komödiantischen Lust und dem Spieltrieb entsprang, der seit je den germanischen Stammen dieses Gebietes eigen war. Kaum anderswo linden wir die Vorbedingungen für das Theater günstiger als in jenem Nordwesten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Natiën, kaum anderswo konnte sich Sinn und Begabung für Theaterspielen in so fruchtbringender Weise fast elementar entwickeln wie hier, wenn wir von der wesentlichen Tatisache ausgehen, dass Wirkung und Gültigkeit des Theaters eine erlebnisbereite Gemeinschaft voraussetzen. Und die besassen die Niederlande. Der ewig wahrende Kampf um den heimatlichen Boden, die immer fortgesetzte Arbeit des Deidhen-Müisisens schuf einen notwendig starken Zusammenhalt.

Allerdings darf auch nicht verkannt werden, dass auf die Dauer betrachtet diese Gemeinschaftsform mehr und mehr die Züge der Nüdhternheit und des zalhen Willens annehmen musste, sollte sie sich gagen die ewige Gewalt der Natur durchsetzen. So ist es auch zu begreifen, wenn sich in der Kunst jeiier Landschaft, die, von glaserner Durchsichtigkeit, durch die rastlos schaffende Hand des Menschen geformt ist, dhne den mythisch-geheimnisvollen Hintergrund des seif je bestehenden festen Landes, von Anfang an ganz dharaktereigene Züge von starkster Gegenwartigkeit auspragen: nirgends erblickt man so die Freude am fesselnden Detail, an der ausgefeilten Situatiën; nirgends gibt es so viel Sinn für Realismus, der sich in seinen expo-