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DE VEREENIGDE TIJDSCHRIFTEN

Draeseke. Er war die letzte bedeutende Persönlichkeit, der letzte scharfgepragte Charakter des Klassizismus. Der Letzte, der auch die strengen Wesenszüge der Klassizisten, den lauteren Glauben an die Hoheit und Reinheit der Kunst, den Bekennérmut der eignen künstlerischen Ueberzeugung, der modernen „Konfusion in der Musik", in höchstem Masz besasz. Der einzige aber, der sich erst auf der Höhe des Mannesalters vom neudeutschen Ideal zum klassizistischen bekannte. Das entscheidende Werk, die Symphonia tragica, steht auf der Mitte eines Versöhnungsversuchs zwischen Lisztschen und klassizistischen Idealen. Das gröszteWerk, das ein Vorspiel und drei Oratorien umfassende Mysterium Christus, zeigt den Stil eines gealterten strengen Klassizismus. Beide stellen die wohl einzig übrigbleibenden Saulen eines Schaffens dar, das keine warme Liebe, wohl aber verehrungsvollen Respekt zu erregen geartet ist.

Wie kommt das? Wieder rufen wir Hebbel herbei: „Wünsche dir nicht zu scharf das Au ge, denn wenn du die Toten in der Erde erst siehst, siehst du die Blumen nicht mehr", und fügen ein Freundeswort hinzu: ,,Gib Tiefe, dasz in Lust und Jammer mein Wort sich an den Sinn des Lebens drangt". Beides treibt Draeseke — und das zeigt grade seine Symphonia tragica am deutlichsten auf des Messers Schneide. Diese Symphonie besitzt die echte Monumentaliteit der klassischen Symphonie. Gleich ihr gibt sie in Tonen ein Menschenschicksal. Bezeichnenderweise für ihre Zeit eins, das sich am Leben nach Verlusten und Kampten wund reibt und zu grunde geht. In ihrer reinen akademischen Geistigkeit, in ihrem tiefen sittlichen Ernst, in ihrer musikalischen Gelehrsamkeit ist sie Kerndeutsch. Deutsch ist 's auch, wie der Meister in ihr sich schlicht persönlich gibt: zeichnerisch und grosz im Ringen und Woll-ïn, so etwa wie Cornelius und Rethel in ihren Kartons. Wie logisch

und tief ist das alles erdacht, wie beziehungsreich sind die Satze miteinander verkettet, wie ergreifend wirkt im letzten atemlosen Kampf des Finale die Heerschau über die Themen!

Und doch, es bleibt in allen Werken Draesekes ein bedeutender Erdenrest, zu tragen peinlich: der allzu starke und allzu scharfe analytisch-kombinatorische Kunstverstand. Mit ganz geringen Ausnahmen fehlt Draeseke der göttliche Funke einer spontanen, sinnlich warmen und in der thematischen Erfindung gröszere Bogen spannenden Phantasiekraft, welche die Brücke schlagen würde zwischen ihm und uns. Seiner Musik, seiner asketisch gleichförmigen Instrumentation fehlt die gleich zwingende Darstellung und Erlösung seiner hohen Ideen im sinnlichen Klang, fehlt der grosze befreiende Hauch der Natur.

Nicht absichtslos haben wir Hebbel's Schatten beschworen: es gibt bei Draeseke ein Seite, die Hebbelsch ist: das Reflektierte, Grüblerische, Seelenzergliedernde— und grade sie ist unglücklicherweise allzu einseitig ausgebildet. So geht es uns, wie mit so manchen Werk Hebbels: wir fühlen wohl, dasz ein tief^und innerlich angelegter Mensch das alles schuf. Aber wir spüren auch, dasz der Geist nicht Fleisch wurde, dasz die Abstraktion an die Stelle blühenden Lebens tritt. Wir bleiben kalt. Dies, nicht seine durch die öffentliche Erfolglosigkeit erklarliche Verbitterung und das Beethoven-Schicksal wachsenderTaub, heit ist es, was den tragischen und problematischen Unterton in die Kunst Draesekes hineintragt, der aus dem Freund Wagners, Liszts, Bülows und Cornelius' zum Antipoden von Richard Strausz und der Moderne wurde. Was Draeseke sonst geschaffen — Opern, zwei Symphonien, eine Serenade, Ouvertüren, Kammer- und Klaviermusik — ist tot, und es bleibt keine Wahrscheinlichkeit, dasz es noch einmal aufleben werde. Was er aber als Mensch, als Charakter, als ein tapfer das Heer von

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