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i. Wesen der historischen Hypothese. 1. Dieselbe ist eine auf Wahrscheinlichkeitsgründe gestützte vorlfiufige Annahme einer oder mehrerer historischer Tatsachen mit dem Zweck, eine oder mehrere historische Erscheinungen oder eine ganzes System soldier Erscheinungen in ihren (besonders ursachlichen) Beziehungen, die sich dem Nachweis noch entziehen, einwandfrei zu erklaren. Wir unterscheiden eine doppelte Art von Hypothesen. Einfach nennen wir die Hypothese, wenn sie der Erklarung einer einzigen Tatsache dient. Sie heifit zusammengesetzt, wenn sie einen ganzen Komplex anscheinend zusammengehöriger Tatsachen einheitlich zu erfassen und zu erklaren sucht.

184. Werden zur Erklarung von bestimmten Tatsachen mehrere Hypothesen aufgestellt, so nimmt gewöhnlich eine die leitende Stellung ein; gerade bei geschichtlichen Vorgangen ist es wegen der vielseitigen und vervvickelten Verkettung der Tatsachen oft unerlaBÏich, daB man, um die bestimmenden Momente aus der Verbindung herauszulösen, eine leitende Hypothese aufstellt, welcher die übrigen Hilfsvoraussetzungen untergeordnet werden.

185. 2. Damit nun eine Hypothese wissenschaftliches Forschungsmittel sei, muB sie durch wahrscheinliche, auf der Erfahrung oder Analogiè beruhende, Gründe gestützt sein, ferner dem jeweiligen Stand der Forschung entsprechen und endlich die Aussicht haben, durch die weitere Untersuchung mit Sicherheit in allen Teilen bewahrheitet zu werden. Die bewahrheitete Hypothese nennt man Theorie, wahrend andere diesen Namen der zusammengesetzten Hypothese beilegen.

186. 3. Von der Hypothese zu unterscheiden ist die Konjektur. Unter ihr verstehen wir eine irgendwie begründete, gleichsam divinatorische Vorwegnahme einer Tatsache, die aber zugleich mit einem starken Schwanken des Verstandes verbanden ist Sie ist sozusagen die erste Phase der Hypothese. Zu dieser wird sie dadurch, daB man sie mit allen bezüglichen Tatsachen in Ubereinstimmung findet, ohne daB sie aber die einzig mögliche Erklarung der in Frage stehenden Tatsachen bietet. Haufig wird die Konjektur auch Vermutung genannt. Doch schlieBt dieses Wort mehr den Begriff einer spontan und willkürlich sich vollziehenden und nicht reflex begründeten Vorwegnahme einer Tatsache in sich.

187. 4. Konjektur wie Hypothese sind beide in der Natur des menschlichen Geistesbegründet. Sie entspringen namlich dem philosophischen Bedürfnis des Verstandes, der die Beziehungen, vor allem die Gründe der Erscheinungen erforschen will und, wenn er diese Gründe nicht mit Sicherheit erkennt, wenigstens eine wahrscheinliche Erkenntnis derselben und Wege zu einer sichern Erkenntnis sucht. Solche Wege weisen aber dem Geist die Konjektur und Hypothese. Ihr logischer Wert beruht ja namentlich auf dem Prinzip, daB jede Ursache eine entsprechende Wirkung und jede Wirkung eine entsprechende Ursache hat.

188. 5. Be is piel e für Konjekturen: die noch nicht begründete Annahme, daB von zwei Urkunden, die einander widersprechen, die eine gefalscht ist, oder daB in einem verderbten Text dieser oder jener grammatische bzw

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