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1. Bezüglich der Glaubwürdigkeit der formellen Zeugnisse herrscht im gewöhnlichen Leben vielfach ein doppelter Irrtum: Man glaubt oft — früher war dieser Glaube noch allgemeiner —, daB eine mit bestem Gewissen und mit Bestimmtheit, vielleicht unter einem Eid gemachte Aussage im allgemeinen als korrekte Wiedergabe der tatsachlichen Vorgange zu betrachten sei und daB ein mit voller Überlegung mitgeteilter Bericht, dessen Falschheit sich spater ergibt, als eine beabsichtigte Falschung, d. h. aks Lüge oder Meineid oder wenigstens als eine schuldbare und strafbare Fahrlassigkeit anzusehen sei. Diesem Doppelirrtum gegenüber ist durch die Erfahrung erwiesen, daB es bei normalen, moralisch einwandfreien, Aussagen manche Irrtümer ohne Wissen und Willen der Berichterstatter gibt und daB bei offenbar falschen Berichten stets die Möglichkeit absichtsloser Falschung oder Tauschung zu berücksichtigen ist.

314. 2. Die historische Methodik dehnt die Forderung der Glaubwürdigkeit einer Quelle, wenigstens was das Wissen des Berichterstatters betrifft, nicht auf jegliche Einzelheit des Quelleninhaltes aus, weil diese Forderung bei der natürlichen Beschranktheit der menschlichen Erkenntnis Unmögliches voraussetzen würde, sondern sie begnügt sich im allgemeinen damit, die Glaubwürdigkeit bezüglich der wesentlichen Elemente der berichteten Tatsachen oder bezüglich der Substanz der Tatsachen zu verlangen. Um so besser für die historische Forschung, wenn es ihr im Einzelfall gelingt, die Glaubwürdigkeit einer Quelle für den gesamten Quelleninhalt festzustellen.

3. Die Methodik beschaftigt sich für gewöhnlich nur mit den Berichten normaler Menschen. Deshalb scheiden chronische Geisteskrankheiten aus der Betrachtung einfachhin aus. Zwar muB die Methodik auch jene Falie berücksichtigen, die auf dem Grenzgebiete normaler und pathologischer Berichterstattung liegen und hat darum unter Umstanden eine eventuelle pathologische Beschaffenheit des Berichterstatters. in Erw3gung zu ziehen; doch ist hier schon darauf hinzuweisen, daB solche pathologische Berichte leicht zu erkennen sind und immerhin zu den Ausnahmen gehören.

315. 4. Manche erblicken in der Vielfaltigkeit und Kompliziertheit der Akte, welche der Mitteilung eines Berichtes vorausgehen, einen Orund zur Skepsis hinsichtlich der Olaubwürdigkeit. Es ist zwar zuzugestehen, daB diese Vielfaltigkeit die Zahl der möglichen Fehler und Mangel, welche die Olaubwürdigkeit eines Berichtes untergraben, leicht erhöhen kann. Das zeigt schon ein Bliek auf den ProzeB, den eine Aussage durchlauft. Der Zeuge nimmt zunachst etwas wahr vermittels seiner Sinnesorgane, das Wahrgenommene wird dann von ihm seinem übrigen Erfahrungsinhalt einverleibt, inhaltlich weiter verarbeitet, um vielleicht erst nach geraumer Zeit unter ganz veranderten Umstanden wieder hervorgesucht, in Worte gekleidet und ausgesagt zu werden. Die einzelnen Akte der Wahrnehmung, Synthese oder geistigen Zusammenfassung, der Reproduktion, der Wiedergabe gleichen Wellen, unter deren Spiel der Quelleninhalt der Qefahr einer fortwahrenden Neugestaltung ausgesètzt sein kann. Dieser Tatsache gegenüber ist gleichwohl mit allem Nachdruck zu betonen bzw zu wiederholen, daB die besagten Anderungsmöglichkeiten für gewöhnlich nur unwesentliche Elemente des Quelleninhaltes be-

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