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439. Bei verwickelten geschichtlichen Erscheinungen wird auch der Zufall hdufig ein mehrfacher; er besteht dann in dem Eintreten von verschiedenen verursachenden Tatsachen in einen gröBern Tatsachenkreis, die vom handelnden Subjekt nicht beabsichtigt oder überhaupt nicht vorausgesehen waren, so naturgemaB ihr Eintreten im Laufe der Ereignisse ist. Vom geschichtlichen Zufall wohl zu unterscheiden sind die Ursachen, die in Wirklichkeit beim Geschehen nur die ihnen entsprechenden Wirkungen hatten, die aber vom Beobachter oder Kritiker nicht als Ursachen erfaBt wurden. Solche Ursachen sind nicht Zufallsursachen, sondern einfach Ursachen, die nicht erkennt sind, wie dies haufig der Fall ist bei gröBeren und kleineren Umstanden, welche die WillensentschlieBungen, die Handlungen, den Charakter, die Schicksale der einzelnen und der Massen und der Völker mitverusachen.

440. 2. Die Bedingungen der geschichtlichen Tatsachen. Die Bedingungen

haben an dem geschichtlichen Geschehen keinen direkten Anteil, sie sind aber notwendig, um die Ursachen zum Wirken anzuregen oder um dieses Wirken durch ihr Dasein erst zu ermöglichen. Ist eine Bedingung derart, daB eine andere Bedingung sie nicht ersetzen kann, so nennen wir sie unerlaBlich. Alles geschichtliche Geschehen ist nun als Wirkung von einer Reihe von Bedingungen physischer oder geistiger Natur, die ihm gleichsam ihren Charakter aufpragen, abhangig. Neben den besonderen Bedingungen, welche bei der einzelnen historischen Tatsache aus der Eigenart des Ortes, der Zeit, des handelnden Subjektes und aus anderen konkreten Umstanden erwachsen, erscheint jedes geschichtliche Geschehen auch als Resultat eines allgemeinen Zustandes, der, raumlich und zeitlich beschrankt, auf der einen Seite die Naturbedingungen, auf der andern Seite die Summe der geistigen Anschauungen, Strebungen, Tendenzen, denen eine Gemeinschaft in geistiger Wechselwirkung unterworfen ist, umschlieBt. Wir tassen gewöhnlich die Bedingungen einer bestimmten Zeitperiode unter dem Ausdruck Kulturzustand zusammen.

441. Da der Begriff Kultur vielfach in unklarer Weise angewandt wird, sei hier einiges über diesen Begriff beigefügt. Unter Kultur verstehen wir die jeweilige Summe der Errungenschaften menschenwürdiger Bildung oder die jeweilig erreichte Vervollkommnung der menschlichen Natur nach jeder Seite ihrer Veranlagung hin. Die Kultur an lage selbst ist in der Eigenart der menschlichen Natur, ihre Fahigkeiten stets vollkommner auszubilden, begründet. Der eigentliche Trager desKulturzustandes als solchen ist stets eine gesellschaftliche Einheit, ein sozialer Körper, ein Stand, ein Staat, ein Volk, die Menschheit; der einzelne kann aber nach seinen Kratten an der Kultur teilnehmen und durch seine Mitarbeit zur Hebung der Allgemeinkultur beitragen. Die Art der Kultur wird bedingt durch die Verschiedenheit der Kulturgüter, denen das Streben der Menschen zugewandt ist. Jene Oüter gehören einem dreifachen Gebiete an, der stofflichen, der sozialen, der ideellen Welt. Die geordnete. Ausnütztmg der stofflichen Welt entfaltet sich zur wirtschaftlichen Kultur, die Gestaltung und Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen zur sozialen Kultur; die Pflege der ideellen Oüter der Welt, wie Wissenschaft; Kunst, Sitte und Religion, zur geistigen Kultur. Das Ideal der Kultur liegt demnach in der allseitigen harmonischen Entfaitung und Vollendung der wanren Menschennatur in dem ganzen Bereiche ihrer vernunftgemafien Bedürf-

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