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doppelte Fassung an keiner anderen Stelle seines VVerkes nachvveisbar, so ist zuzugeben, dass die Anschauung, nach der die zwei Verse, in denen Daphne die Hülfe der Erde anfleht, interpoliert sind, zum mindesten sehr an Wahrscheinlichkeit gewinnen würde.

Zuerst müssen wir versuchen uns eine genaue Vorstellung davon zu bilden, wie das Entstehen und Fortleben einer doppelten Fassung einzelner Stellen in den Metamorphosen zu erklaren ware. Diese Vorfrage hat auch Magnus am Anfang seines Aufsatzes ausführlich behandelt. Ovid hat bekanntlich sein Werk nicht selbst dem Verleger übergeben können, sondern es ist von Bekannten in Rom, die den Text hatten, ediert worden. Nun ist es in der Tat gut möglich, meint Magnus (a. a. O. S. 193), „dass jenes Urmanuscript, das Ovid an gute Freunde auslieh, Spuren des Mangels einer Schlussredaction zeigte; kleine Widersprüche und Nachlassigkeiten in der Form mogen so zu erklaren sein. Es ist ja wohl auch denkbar, dass hier eine Stelle wirklich einmal doppelte Fassung hatte, wenn namlich der Dichter sicli die Entscheidung, welche Version an die Oefifentlichkeit kommen sollte, für die letzte Durchsicht vorbehielt. ]) Doch war das gewiss ein Ausnahmefall: in der Regel betrachtet ein Autor, der neben die erste Fassung einer Stelle die zweite setzt, diese als Correctur jener und tilgt dementsprechend sofort die erste. Mit der vagen Möglichkeit aber, dass einmal die Tilgung nicht gründlich und deutlich genug ausgeführt sei, brauchen wir hier nicht zu rechnen." Das ist nun zwar folgerichtig und klar gedacht, allein ich denke, der Vorgang ist ein anderer gewesen. Die Fertigstellung eines Gedichtes gleich den Metamorphosen erforderte viel Zeit, und Ovid wird gewiss die Vollendung des ganzen Werk es nicht abgewartet haben, bevor er Teile davon seinen Freunden, wie die Alten es zu tun pflegten, zur Beurteilung zusandte. Als er in die Verbannung geschickt wurde, verbrannte er sein eigenes Manuscript oder, wenn man ihm das nicht glauben will, so nahm

l) Wenn Castiglioni diese Möglichkeit ohne weiteres leugnet (a. a. O. S. 149, A. 1), so hat er entschieden unrecht.

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