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De Nederlandsch-Duitsche Kultuurgemeenschap = Die Niederländisch-Deutsche Kulturgemeinschaft; orgaan der Nederlandsch-Duitsche Kultuurgemeenschap, 1943, 1943

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FULLE DES LEBENS

Anldsslich der Erstaufführung von Gerhart Hauptmanns „Elga” im Deutschen Theater in den Niederlanden

VON Dr. KARL PETER BILTZ

N einem Lebensraum angelangt, in dem anderer JL Menschen Blicke sich einem Lande zuwenden, aus dessen Bezirk kein Wanderer wiederkehrt, bricht der greise Dichter Gerhart Hauptmann in dichterisches Neuland auf und weiss sich neue Stoffgebiete und Formen zu erobern, an deren Ers füllung und Gestaltung nicht mehr alle hoffen zu können glaubten. Der Jüngling, der mit tausend Masten freudig auf den Ozean des Lebens hinaus* gefahren war, kehrt nicht als Greis im Naehen in den rettenden Hafen zurück. Im Gegenteil scheint er in diesem Augenblick seines Lebens der Durchs dringung und Schau alles irdischen Werdens uns mittelbarer und tiefer auf der Spur zu sein als je zuvor. In der „Italienisehen Reise” an der Stelle angekommen, da Goethe von seinem eigentlichen Thema absehweifend, eine Betrachtung über das Schieksal der delphischen Iphigcnie anstellt, wers den diese dieSituation kurz amreisscndenSatze ihm Ausgangspunkt, uns in seinem 79. Lebensjahr die „Iphigcnie in Delphie” zu schenken. Sein 80. burtstag am 15. November des vergangenen Jahres war Anlass zu Feier und Ehrung dieser wahrhaft leprasentativcn Erscheinung, die weit über seine Generation hinaus noch immer deutsches Dichten vertritt. Ein Jahr ist seitdem vorüber und um lebt sein dichterischer Ruhm in aller Munde auL das Burgtheater in Wien, die traditionsreiche Statte des deutschen Thealebens, hat soeben zu seinem 81. Geburtstag sein jüngstes Werk die „Iphigcnie in Aulis” in einer, wie man den Berich* ten entnehmen darf, dem würdigen Werk entspres chenden glanzvollen Aufführung herausgebracht. Nichts von Ermüdung, niehts von Erschöpfung, in ungebrochener Kraft strahlt uns aus den Versen eine Diehtung in seltcner Reinheit entgegen. Und der nicht abreissende Sturm der Leidenschaften und die Wucht des dramatischen Gesehehens ges ben uns unmissverstandlich zu erkennen, dass wir es mit keinem Alterswerk im übliehen Sinne zu tun haben. Hatte sich die Sehaffenskraft des Dichs ters von seiner ersten Iphigcnie, die das düstere Ende des fluehbeladenen Tantalidengeschlechtes auf seine Weise deutete, nun in dem neuen Werk zurück zu der aulischen Bucht gewandt, von der das Schieksal einst seinen Verlauf nahm, so hóren wir, dass die Gedanken des Dichters bereits um ein drittes, die trilogische Abrundung des ganzen Stoffkreises gebendes Drama kreisen, das uns Agas memnon u. Orests Muttermord in der diehterischs szenischen Ausdeutung vor Augen führen soll.

Welch eine Unerschöpflichkeit des geistigen Quells ! Welch eine begnadete Fülle des Lebens ! Ueberblickt man heute des Dichters Gesamtwerk, dessen Werden und Waehsen nun schon über die gewaltige Zeitspanne eines halben Jahrhunderts hinausgreift und das in seiner nahezu unermess? lichen Schöpferkraft nachgerade an die Weite und Umfanglichkeit Goethes gemahnt, so steht man nicht allein staunend vor der überraschenden Alans nigfaltigkeit der ausseren Fülle und Form, des in* neren Gutes und Gedankens, beides Dinge, die in unserer Geistesgeschichte fast ohne Beispiel sind, in gleicher Weise steht man hingerissen vor dem einzigartigcn Wunder der schöpferischen Erneues run, das sich wie in einem stetigen Rhythmus über dieses Leben zu breiten scheint. Das seltsame Ge= heimnis seiner immerwahrenden Produktivitat liegt in etwas durehaus Naturhaftem und wir glans ben dem Dichter, wenn er von sich und seiner schöpferischen Kraft sagt: „Diehtung beruht auf einem Wachstum.” Denn gewaehsen ist sein Werk in über fünf Jahrzehnte in Sturm und Stille, in die Breite und in die Tiefe und geflossen ist der Strom seiner Diehtung über rauschende und schaus mende Schnellen genau so wie über sanfte und ruhige Untiefen.

Als der 27Jahrige in jener denkwürdigen Sonm tagssMatinee vom 29. Oktober 1889 auf Otto Brahms „Freier Bühne” in Berlin zum ersten Male mit seinem Drama „Vor Sonnenaufgang” zu Wort kam, war wieder einmal eine revolutionare Jugend gegen alte Tradition aufgestanden. Der Naturalist mus stand auf ihrem Programm und Theodor Fons tane schrieb in der „Vossisehen Zeitung” in Bet tracht der Ziele und Absichten dieser neuen Bet wegung: „Hier scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu”. Der junge Sehlesier, der naeh einem ganz kurzen Anlauf in das helle Licht der Oeffentlichkeit zu stehen kam, war naeh allerlei tastenden Versuchen in anderen Berufen zur Litet ratur gekommen. Am 15. November 1862 in dem niedersehlesischen Badeort Obersalzbrunn als Sohn eines Hotelbesitzers geboren, zeigte der Knabe zeitig eine starke Empfanglichkeit für alle Erscheit nungen der Aussenwelt, danebèn aber aueh eine frühentwiekelte Phantasie und eine Begabung, den Dingen bis an die Wurzel zu folgen. Von früh auf zeichnen sich die beiden Riehtunen, in denen sein Dichten in den ersten Jahrzehnten verlaufen sollte, ab: auf der einen Seite der klare und scharfe Bliek für Menschen und Schicksale, für Situationen, Vert